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Mehr erwarten – oder?

Mehr erwarten – das war lange für mich ein Schlagwort feministischer Kritik. Fehltritte nicht übelnehmen, aber dennoch mehr von Leuten erwarten. Soll heißen: zum Fehler stehen und beim nächsten Mal besser machen.

Kritik dient in diesem Sinne dann (auch) dazu, Anleitung zu geben, Rückmeldung darüber, was gut war und was – und ggf. wie – besser gemacht werden kann. In der Erwartung, dass es alle besser machen wollen.

Das führt bei mir aktuell zu zwei Schwierigkeiten:

1) Bei positiv aufgefallenen Medien entsteht für mich die Schwierigkeit, dass man die möglichen Fortschritte, die diese Medien machen, unter den höheren Erwartungen versteckt und man ggf. diese Medien gar nicht mehr positiv wahrnehmen kann. Quasi das Unvermögen, den Istzustand zu genießen, weil der Sollzustand noch besser ist.

2) Diese höheren Erwartungen werden oft auch in der feministischen Diskussion gegen sich selbst gesetzt bzw. den feministischen Mainstream (wenn es denn so etwas gibt), die diese dann durchaus ernst nehmen. Bei vermeintlich anders denkenden Menschen werden diese Erwartungen nicht nur oft enttäuscht, sondern oft nicht einmal mehr gesetzt. Und damit sind wir bei der AfD.

Ernst nehmen solle man die Wähler_innen und ihre Nöte und Sorgen. Man solle sie nicht als dumm abtun, nicht die Diskussion mit den Nazis verweigern, nicht auf ihre Tonart wechseln, sich aber auch nicht mit ihnen gemein machen. Das sind extrem hohe Anforderungen in einer sehr stressigen Zeit, wie ruhig und geduldig und verständnisvoll man Menschen begegnen soll, die zumindest Nazi-Tendenzen in einer Partei nicht disqualifizierend finden. Die auch nichts dagegen haben, dass die AfD den Klimawandel leugnet. Und so einiges anderes.

Damit haben diese Wähler_innen doch ihr Ziel erreicht. Sie haben gepoltert, sie haben gebuht und gepfiffen, gepöbelt und krakeelt. Sie haben Diskussionen verweigert und unmöglich gemacht, sie haben unmenschliche Politik gewählt – und jetzt werden sie ernst genommen und alle kümmern sich darum, wie man diesen Menschen gerecht werden kann.

Und Feminist_innen? Die sollen nicht laut werden, nicht pöbeln oder krakeeln, wenn sie angehört werden wollen. Und wenn sie brav gewartet haben – dann kommen die Pöbler und sind wichtiger.

Da habe ich ehrlich gesagt im Moment wenig Kraft zu, da lasse ich mir meinen AfD-Wähler-sind-doof-Witz nicht nehmen. Ihr versteht das sicherlich, zumindest erwarte ich das von euch.