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Arrow – Staffel 1

Inhalt: erlösende Gewalt, Superheldinnen

Plot-Check: Oliver Queen war fünf Jahre verschollen: die Yacht des Milliardärs Robert Queen sank mit Robert, Oliver, Olivers Liebschaft und noch einem Typen an Bord, und Oliver rettete sich auf eine Insel. Als er dort fünf Jahre später gefunden wird, ist aus dem Playboy ein Mann geworden, der sich geschworen hat, die Korruption in seiner Heimatstadt auszumerzen. Dazu hat er einerseits eine Liste mit korrupten Menschen, andererseits einen Bogen und enorme körperliche Fähigkeiten, die er mit einer Kapuze bekleidet einsetzt.

Im Verlauf der ersten Staffel kommt es zu Konflikten mit Olivers ehemaliger Liebe, seinem besten Freund, seiner Familie (Mutter, Stiefvater, Tochter), seinem Bodyguard, einer IT-Spezialistin, … und Oliver deckt eine Verschwörung auf, die gleich einen ganzen Stadtteil seiner Heimat bedroht und von dem „dunklen Bogenschützen“ beschützt wird. Also viel Spielraum für Drama und interne Konflikte. Und für Action. Nebenher gibt es immer Rückblenden zu Olivers Zeit auf der Insel, welche nicht so verlassen war, wie man zuerst glauben mochte.

Insgesamt ist der Plot nur selten wirklich überraschend. Man kann ziemlich gut erahnen, welche Hürden sich als nächstes auftürmen, wie bestimmte Konflikte sich auflösen, welche Figuren vielleicht auch sterben. Die Serie ist diesbezüglich nicht besonders mutig. Allerdings verläuft alles stringent und nachvollziehbar, wenn auch nicht immer glaubwürdig – natürlich verliebt sich die Tochter einer der reichsten Familien in einen Habenichts aus dem Ghetto, und natürlich ist der wiederum ein echt guter Kerl ohne wirkliche Probleme. Natürlich geht die Sozial-Anwältin auch bei Androhung eines Terroranschlags noch in ihre Praxis im Ghetto, um dort Akten zu retten (oder was auch immer) – wer soll sie sonst dort retten? Und so weiter.

Größtes Problem ist hier, was zum Genre gehört, in Serien aber für mich immer schwerer wiegt als in Actionfilmen, weil diese Serien immerhin theoretisch die Zeit hätten, komplexer zu erzählen: der Mythos der erlösenden Gewalt. Und zwar ist die Gewaltausübung durch die Helden gut und richtig. Natürlich gibt es Lippenbekenntnisse dazu, dass sie nicht ihre Seele verlieren sollen oder so etwas, aber im Endeffekt führt Olivers Gewalt dazu, dass Bösewichte ihre Verbrechen gestehen und die Straßen sicherer werden, und dass Oliver das Ansehen seines Vaters ehrt. Das ist vor allem in seiner Einseitigkeit ein Problem: so funktioniert Gewalt immer, und damit wird Gewalt in der überwiegenden Mehrzahl von Texten als gute Alternative (oder gar als einzige) präsentiert. Wenn hier z.B. andere Figuren in ihrer Funktion als Polizist und Juristin agieren, scheitern sie, wo Olivers Gewalt Früchte trägt. Laurel gewinnt keinen Fall, ohne dass Oliver tötet oder bedroht. Diese Gewalt hinterlässt aber keine wirklichen Spuren, weder Hinterbliebene noch Traumata.

Positiv zu vermerken ist, dass weibliche Figuren zu keiner Zeit sexuell bedroht werden.

Figuren-Check: Oliver Queen, Moira Queen, Thea Queen, Tommy Merlyn, Malcolm Merlyn, Laurel Lance, Quentin Lance, Felicity Smoak, Roy Harper, Slade Wilson, Edward Fyers, dazu wiederkehrende Nebenfiguren Huntress, Count und Deadshot – alle weiß. PoC: Walter Steele, John Diggle, Shado, Yao Fei, China White (die weißhaarige Chinesin) sowie wiederkehrende Romanze XX, die so wichtig ist, dass sie nicht mal in Wikipedia steht, und John Diggles Schwägerin – PoC. Sehr großzügig gerechnet also 7:14, 1/3 PoC.

Gefühlt allerdings gibt es eine PoC-Hauptfigur, nämlich den Bodyguard und Arrows rechte Hand John Diggle. Dazu aber 9 weiße Hauptfiguren. Olivers Stiefvater ist zu Beginn noch Teil der Serie und wäre Figur Nummer zwei, wenn er nicht die meiste Zeit entführt wäre und rechtzeitig zurückkommt, um die Scheidung einzureichen und zum Finale wieder weg zu sein. Auf der Insel ist es etwas besser: da helfen Yao Fei und Yao Feis Tochter Oliver ebenso wie Slade, gegen Fyers zu kämpfen, und so steht es da mit 3 weißen und 2 PoC-Figuren etwas ausgeglichener.

Ansonsten ist Central City aber auch sehr weiß. Die korrupten Bösewichte, die Oliver in den einzelnen Folgen angeht, sind alle weiß und männlich. Es gibt einen asiatischen Bösewicht, der aber vom dunklen Bogenschützen erledigt wird und dann noch in Rückblenden auftaucht. Und andere PoC-Figuren verschwinden aus der Serie, während weiße Figuren gefühlt bleiben, sodass Laurels Assistentin oder auch Olivers kurze Romanze eher auffällig beendet und rausgeschrieben werden und die Serie damit bleicher wird.

Immerhin sind die Sprechrollen ansatzweise zwischen weiblich und männlich verteilt. Ja, die Bösen sind alle männlich, und Autoriätsfiguren (Polizeichef, Richter, Arzt) auch. Aber immerhin bei den oben beschriebenen 21 Figuren sind es immerhin 9 weibliche und 12 männliche, wobei der Fokus oft auf Olivers Familie oder seiner Beziehung zu Laurel liegt und Felicity zum Ende hin viel zu tun hat, sodass Frauen durchaus eine Rolle spielen.

Solange man nicht genauer hinsieht jedenfalls.

Laurens Rolle ist die der romantischen Liebe und der Dreiecksbeziehung zwischen Oliver und seinem besten Freund. Dabei sagt Oliver zwar, dass Laurel sich selbst entscheiden könne, aber wenn es dann ganz ernst wird, darf sich der Kumpel dann doch opfern. Auch hat Laurel nur selten eigene Fälle, die dann auch nicht von ihr, sondern durch Olivers Gewalt gelöst werden bzw. Oliver darf sie mehrfach retten. Laurel hat dabei zwei Szenen, in denen sie zeigt, dass sie sich wehren könnte – im Ernstfall bleibt davon aber wenig. Immerhin hat Laurel noch die Beziehung zu ihrem Vater, der Oliver dafür verantwortlich macht, dass seine andere Tochter bei dem Schiffsunglück starb, und der als Cop natürlich den Bogenschützen jagt.

Theas Rolle ist erst Sorgenkind wegen Drogen und dann die Frau zu sein, die dem Ghettojungen Roy ein besseres Leben zeigt. Sehr anspruchsvoll.

Moira ist zwar Teil der Verschwörung, aber nur zum Schutz ihrer Familie und ohne eigene Meinung.

Felicity ist ein Computernerd (mit Modelaussehen natürlich). Das wars dann auch schon mit der Charakterisierung der Damen. Hingegen ist John Diggle getrieben vom Mord seines Bruders und will versuchen, Olivers Rachefeldzug in menschlichen Bahnen zu halten. Tommy ist Olivers bester Freund, der Olivers wahre Liebe liebt. Aber er ist auch geschockt von der Idee, dass Oliver ein Killer ist, er versucht, sein Leben in den Griff zu kriegen, und er hat ein komplexes Verhältnis mit seinem Vater. Walter ist der neue Stiefvater, er liebt die Familie und kommt der Verschwörung auf die Spur und muss nun damit umgehen, dass seine Frau anscheinend darin verstrickt ist. Quentin hasst den Typen, den seine Tochter liebt, er jagt den Typen, der anscheinend ein Held ist, und knabbert immer noch am Tod seiner anderen Tochter. Malcolm ist verbittert vom Tod seiner Frau und will Rache, aber gleichzeitig das beste für seinen Sohn, den er aber im Stich ließ. Und Oliver ist als Hauptfigur natürlich ohnehin konfliktbeladener als alle anderen zusammen.

Die Männerrollen sind einfach griffiger. Verschlimmert wird dies dadurch, dass zum Finale hin alles noch typischer wird. Da gehen dann Oliver und John auf Verbrecherjagd, Quentin entschärft die Bombe und den Frauen wird gesagt, dass sie zu Hause bleiben sollen. Und wenn sie das nicht tun, müssen sie von ihren Männern noch gerettet werden. Das nervt echt.

Personen mit Behinderung oder nicht-normgerechten Aussehen gibt es nicht, außer evtl. leicht übergewichtige verschwitzte Bösewichte, an die ich mich nicht konkret erinnere.

Die Darstellerinnen sind insgesamt überzeugend. Stephen Amell als Oliver übertreibt es manchmal mit der Ernsthaftigkeit, wodurch seine Momente mit Witz und Charme erholsam sind. Auf der Insel muss er eine furchtbare Perücke tragen und wirkt manchmal doch sehr harmlos, weil er natürlich auch da schon extrem durchtrainiert ist. John Barrowman ist als Malcolm Merlyn etwas zu glatt. Am besten gefallen mir Colin Donell als Olivers bester Freund, Susanna Thompson als Olivers Mutter (die sicher auch eine komplexere Rolle gut umgesetzt hätte) und Emily Bett Rickards als IT-Expertin – sie beweist Gespür für Komik. Andere Darstellerinnen sind eher als Typen gefragt und funktionieren.

Produktions-Check: Die Serie ist ganz gut umgesetzt. Die Kämpfe finden natürlich oft im Dunkeln oder im Regen, mit Lichtblitzen und schnellen Schnitten statt, aber es gibt auch mal kurze Szenen von Sportlichkeit, in denen Stephen Amell als Oliver Queen und auch die anderen Figuren glaubwürdig agieren. Ansonsten ist es eben eine TV-Serie für einen normalen Sender mit begrenztem Budget, sodass es zu verkürzten Darstellungen kommt und man auch mal Abstriche macht. Aber die Serie wirkt nicht billig oder unglaubwürdig.

Fazit: Arrow habe ich während eines Aufenthalts im Krankenhaus gesehen. Es war unterhaltsam, und wenn man mal wegdöste, war es auch nicht schlimm. Das ist ein passendes Urteil.