7 Dinge über Walking Dead, Staffel 7 (erste Hälfte)

  1. Autor Normalverbraucher. Das Besondere an „The Walking Dead“ war immer das Setting, und nie die Drehbücher. Ich habe mir immer gewünscht, dass jemand wirklich überlegt, wie man dieses Setting zum Leben erweckt. Welche Dinge werden in der Zombie-Apokalypse wichtig, welche Verhaltensweisen gewöhnt man sich an, wie kann man Zivilisation erhalten, usw. Zwar gehen die Autor_innen (überwiegend Autoren) ab und zu auf solche Fragen ein, das bleibt in der Regel aber oberflächlich oder wird schnell verworfen. Immerhin ist es nicht wie bei „Game of Thrones“, wo die Verursacher der Serie thematische Fragen ja als unwichtig abgetan haben. (Das ist ein anderer Beitrag) Jedenfalls sieht die Realität so aus, dass dies normale Fernsehautor_innen sind, die eben was mit Zombies machen. Darum gibt es dann hier dieselben bekloppten Plots und Figuren und Entwicklungen wie sonst auch. Es fällt mir aber schwer, das hinzunehmen – siehe auch den Begleitartikel zu „Fear the Walking Dead“, der hier bald folgt.
  2. Grusel oder Ekel oder Langeweile. „The Walking Dead“ soll eine Horrorserie sein. Und mit der Zeit hat die Serie wirklich tolle Make-Up-Effekte und ein bisschen CGI, die eklig sind. So kommt nun eins zum anderen: Ekel ist einfacher als Horror. Gerade, wenn man wöchentlich ein neues Drehbuch abliefern muss, bleibt eine gute Figurenzeichnung oder langsames Steigern von Furcht auf der Strecke. Also wird immer wieder Blut, Gedärm, Schleim, oder auch Folter gezeigt, weil das eben eine Reaktion verursacht. Dabei hat die Serie zugegebenermaßen auch ein Talent für Hingucker, wenn z.B. ein Sandhaufen einstürzt und daraus eine Horde Zombies hervor-röcheln. Aber in der Masse kann das auch ermüdend wirken.
  3. Lieblingsfiguren. Das ist ganz normal. Fans bekommen Lieblingsfiguren. Die Autor_innen bekommen Lieblingsfiguren, oder auch Darsteller_innen, die ihnen einfach sehr sympathisch sind. Manche Darsteller_innen möchten die Serie verlassen, oder machen Probleme am Set. Andere sind vertraglich gebunden. Dadurch entsteht automatisch, dass bestimmte Figuren von der Geschichte verschont oder bevorzugt werden und andere eben eher bestraft. Die Aufgabe des Autor_innenteams ist es, dies durch die Welt erklärbar zu machen. Je länger eine Serie dauert, desto schwieriger wird das aber. So ist Carl z.B. ein richtiger Nervsack, aber er ist auch der Teenager und Vertreter einer wichtigen Zielgruppe, und kann man im Fernsehen wirklich noch weiter gehen, als diesem Jungen ein Auge zu nehmen? Also bekommt er keine richtig heftigen Plot-Szenen und wird unerklärlicherweise verschont, ist aber auch langweilig. Rick wiederum sollte inzwischen längst zum Bösewicht geworden sein, das bietet sich einfach an. Aber er ist die Hauptfigur, und solange Andrew Lincoln das nicht explizit fordert, wird Rick immer wieder zum Helden werden, so ist die Serie halt angelegt und niemand hat den Anreiz, für eine bessere Geschichte seinen_ihren Job zu riskieren, weil die Serie abgesetzt wird oder eine Figur herausgeschrieben, zumal wenn die Serie ohnehin erfolgreich ist.
  4. Negan. Negan, Negan, Negan. Hier kommen so viele Probleme zusammen. Die Autor_innen lieben ganz augenscheinlich diese Figur. Die Mitwirkenden mögen Jeffrey Dean Morgan. Negan ist ein Favorit aus den Comics und damit zielgruppenrelevant. Also bekommt dieser Typ etwa 3/4 der Redezeit und Sendezeit von nahezu jeder Folge, und wir sollen das toll finden statt ermüdend. Außerdem reicht die Präsentation eines offensichtlichen Bösewichts, denn sich eine funktionierende proto-faschistische Gruppe auszudenken oder Negan klare Ziele zu geben, ist anstrengend und zeitraubend. Schnell geht es wiederum, wenn man den Bösen zu einem unberechenbaren Irren macht (siehe auch das anfangs mittelmäßige und inzwischen grauslige „Sherlock“) Und also darf Negan in dieser Zeit immer wieder Menschen foltern, erpressen, bedrohen, weil es für die Autor_innen einfach ist, so einen Bösewicht zu inszenieren, und die Hoffnung besteht, dass Jeffrey Dean Morgan diesen Typen so faszinierend verkörpert, dass wir es hassen, ihn zu lieben. Aber stattdessen wird das nervig und anstrengend, und der Psychopath Negan wirkt so unberechenbar, dass auch ein wenig Gefahr verloren geht – immerhin muss er ständig die Figuren bedrohen, die aber (siehe oben) nicht sterben dürfen. Negan darf aber auch (noch) nicht sterben, also suhlt sich die Serie einfach in Folter und Psychopathie. Negan soll der große Publikumsmagnet sein, und anstatt zwei-, dreimal in der Staffel vorzukommen, während die Hauptfiguren andere Konflikte austragen und auch Erfolge haben, wird es zu einer unablässigen Depri-Dusche. Man hat den Eindruck, dass nichts passiert – und schlimmer noch, anstatt Angst vor Negan zu haben, fragt man sich, warum dem noch keiner eine Kugel durch den Kopf gejagt hat.
  5. Patriarchat. Ich muss das extra nennen, weil es mir so auf den Senkel geht. Immer sind die Typen die Chefs, haben die Typen Recht, retten die Typen den Frauen das Leben. Klassische Szene: Enid will die Siedlung verlassen, Carl sagt, sie solle das nicht tun, er würde ihr nicht wieder das Leben retten wollen. Enid geht. Nächste Szene: Carl rettet Enid das Leben. Dann geht er los, um Negan anzugreifen, und Enid kümmert sich um die schwangere Maggie. Weil das eben so ist mit Jungs und Mädels. Und Carol war mal die coolste, aber nun hat sie ein kleines Haus und will Hausfrau sein, weil es den Autor_innen wohl nicht passte, dass das Publikum Carol für die coolste hielt. Oder warum auch immer, interessante Dinge stellen sie mit ihr jedenfalls nicht an. Dazu gehört auch, dass am Ende doch immer Gewalt die richtige Lösung ist, und Leute wie Morgan, die hoffen, mit anderen reden zu können, per se falsch liegen – und damit nicht interessant sind, sondern naiv wirken.
  6. April, April. Was ist auch noch einfach, um eine Reaktion zu erzeugen? Überraschungsmomente und falsche Erwartungen zu erzeugen. Also wird Glenn getötet – aber halt, doch nicht! Er taucht wieder auf (und wird prompt getötet). Daryl wird verschleppt – aber es geht ihm gut! Da steht unser Kumpel Heath als Zombie… aber nein, es ist nur irgendein Zombie. Olivia schlägt Negan, aber nein, es passiert doch nix, aber doch, jetzt, aber nein, aber ja, aber… wenn der Umgang mit Figuren so wirkt wie aus „Little Britain“, gibt es ein Problem.
  7. 100 Folgen. Man erkennt, warum Serien es nur selten über so lange Zeit schaffen. Fernsehen ist ein Medium der Veränderung, und nach sieben Jahren lassen sich Figuren nicht so einfach ändern, und viel Platz für neue Leute gibt es dank der Lieblingsfiguren auch nicht. Also gibt es einerseits wenig Zeit, sich zu überlegen, warum jemand so handelt, wie er_sie es tut; es gibt wenig überraschende Antworten auf diese Fragen bei den etablierten Figuren (was langweilig wirkt) – oder unerklärte Änderungen (was unglaubwürdig wirkt). Und die Serien von heute wollen keine Archetypen, die sich an Konflikten reiben, das ist nicht en vogue (auch wenn sich das eignen würde: zuerst lernt man in der Apokalypse neu, wer man wirklich ist oder sein will, und dann prüft man dieses Bild an der Welt). Also gibt es Stunts: Überbösewichte, Schockmomente, Fake-Outs, noch mehr Schleim als vorher…

Es ist seltsam. Dies sind keine positiven Punkte, aber „The Walking Dead“ ist ein Flauschfaktor für mich. Wo ich mich früher aufgeregt habe, dass es diese Serie gibt und wie die so ist, gehört heute das Ärgern über ihre Fehler zu meiner Routine. Es ist entspannend, sich anzusehen, welchen Quatsch wir denn diesmal wieder zu sehen bekommen, und es ist in dieser Hinsicht schön, dass „Fear the Walking Dead“ genauso bekloppt ist. Hoffentlich geht das noch so lange weiter, bis Carl aufs College geht und Ricks verschollene Zwillingsschwester auftaucht, und sich herausstellt, dass Daryl die ganze Zeit ein Zombie war…

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