Life is strange – Spoiler-Ecke

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Inhalt: Ableismus, Assistierter Selbstmord, Zeitreisen, Mord

SPOILER für Life is strange bis Episode 4


Folgendes passiert am Ende von Folge 3: Vor 5 Jahren verlor Chloe ihren Vater in einem Autounfall. Kurz danach zog Max weg und meldete sich nicht mehr. Chloe geriet ein wenig auf die schiefe Bahn, entwickelte jedoch vor allem Aggressionen und Schuldgefühle. Sie ist auch sauer auf ihren Vater, der sie verließ, wie auch auf Max, die dasselbe tat. Nach einem heftigen Streit sitzt Max allein in ihrem Zimmer und schaut ein Kinderfoto an – das letzte Foto, dass Chloes Vater aufgenommen hat.

Plötzlich sind wir in der Vergangenheit und haben die Chance, alles zu ändern. Wir retten also Chloes Vater das Leben. In der neuen Zukunft ist einiges anders, anderes ist gleich geblieben. Als Max zu Chloe fährt, ist ihr Vater noch am Leben. Dafür hatte Chloe nun einen Autounfall und ist vom Hals abwärts gelähmt. Max hält sich erschrocken die Hand vor den Mund, Chloe lächelt, weil sie ihre Freundin nach 5 Jahren wieder sieht.

Damit endet Episode 3, und ich dachte, dass dontnod nun einen Riesenfehler macht. Denn hier ist Chloes Lähmung, und wahrscheinlich werden wir die Zeit wieder verändern, damit Chloe laufen kann. Weil die Behinderung als so furchtbar empfunden wird. Da verliert man lieber ihren Vater. Na ja, dachte ich noch, immerhin besteht die Möglichkeit, dass man Chloe die Wahl lässt, was sie lieber möchte.

Dann kam Folge 4 und alles war anders. Erst einmal machen Chloe und Max einen Strandspaziergang. Chloe hat einen elektrischen Rollstuhl, den sie mit dem Kopf steuert. Es wird klar, dass Chloe wenig Hoffnung hat, dass sie aber nicht lebensunfähig ist. Und vor allem wird klar, dass Max mit ihr normal umgeht und entschlossen ist, bei dieser neuen Chloe zu bleiben. Sie ist eben immer noch Chloe, ihre beste Freundin.

Zu Hause bei Chloe wird klar: ihre Familie kümmert sich gut und Mutter und Vater lieben sich auch noch. Aber die Kosten für die medizinische Versorgung sind so hoch, dass sie vielleicht das Haus verlieren werden. Wir erleben, wie schwierig es manchmal für Chloe ist, aber auch, was sie noch gerne tut und welche technischen Hilfen sie hat. So muss sie z.B. selbst etwas zu trinken immer gereicht bekommen und kann sich kein Sandkorn aus dem Auge wischen, aber im Internet chatten mit einer Mundsteuerung. Chloe und Max haben einen Filmabend, bei dem Max einschläft. Es ist ein tolles Zusammensein der beiden und ich als Nichtwisserin habe das Gefühl, dass hier der Alltag einer Person mit Chloes Behinderung realistisch dargestellt wird. Ich habe den Eindruck, dass sich dontnod mit Menschen mit dieser Behinderung unterhalten haben.

Am nächsten Morgen hat Chloe Kopfschmerzen und wir besorgen ihr Morphium. Ich denke immer noch, dass wir sie vor die Wahl stellen werden. Aber da sagt Max in einem inneren Monolog genau das: „Ich könnte sie vor die Wahl stellen, aber das wäre grausam. Wie soll man da wählen?“ Und sie sagt: „Ich könnte versuchen, die Zeit zu ändern, aber wer gibt mir das Recht dazu?“ Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil das Spiel plötzlich noch einen Schritt weiter gedacht hat als ich selbst. Und freue mich zugleich, weil es das tut.

Wir bringen ihr also Morphium. Nebenbei erfahren wir, dass es Chloe immer schlechter geht und sie wahrscheinlich bald sterben wird. Okay, denke ich, sie wird tot sein, wenn wir zurückkommen. Stimmt aber nicht. Dann erkenne ich: das Morphium. Chloe will sich umbringen, und sie benutzt uns, um unwissentlich zu viel Morphium zu verabreichen. Auch nicht: Chloe weiß, dass sie bald sterben wird. Und sie will tatsächlich selbst entscheiden, wie es zu Ende geht und wann: nach dem tollen Tag mit ihrer besten Freundin. Also müssen wir uns entscheiden, ob wir Chloe helfen wollen.

Ich weiß nicht, was passiert, wenn wir nein sagen. Denn ich weinte, und ich drückte die Taste, und ich half Chloe bei einem selbstbestimmten Tod. Und das war traurig, aber nicht das Schlimmste. Denn nun entscheidet sich Max. Ohne irgendwelche moralischen Feigenblätter entscheidet sich Max, dass sie Chloe nicht verlieren will. Egal, was das kostet. Eine egoistische Entscheidung, die sich durch die vorhergehenden 15 Stunden, die wir mit Chloe und Max verbrachten, absolut richtig anfühlt.

Und jetzt.

Jetzt reisen wir wieder in die Vergangenheit, und wir sehen Chloes Vater, der ein so toller Vater und Ehemann ist. Und ich weiß, dass ich ihn jetzt in den Tod schicke. Ich bringe diesen Menschen um und es zerreißt mir das Herz. Und ich habe nicht einmal im Spiel die Wahl, ob ich das will, und doch ist es meine Wahl, weil ich es will, ich will ihn in den Tod schicken und es ist gleichzeitig das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Weil ich jemanden töte, weil ich auch Chloe und Chloes Mutter diesen Menschen wegnehme. Wenn er jetzt stirbt, ist das meine Schuld, ich stehe untätig daneben.

Bei dieser Szene, wo Chloes Vater kurz lächelt, wo er die Autoschlüssel nimmt und abhaut, ist mein Herz zerbrochen. DAS war ein Dilemma, das nur falsche Antworten hatte. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Menschen in den Tod geschickt, nur für einen anderen Menschen, ohne höhere moralische Rechtfertigung. Dieser eine Moment hat mich so ergriffen, wie es noch kaum ein Medium bislang schaffte.

Ich habe geheult und geheult. Ich musste eine Pause machen. Und dann habe ich Chloe wiedergesehen und es war sehr traurig, aber gleichzeitig schön und gut.

Ein Gedanke zu „Life is strange – Spoiler-Ecke

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