Mad Max Fury Road

Fury Road ist großartig, wenn auch nicht perfekt. Lasst mich etwas schwärmen (und kontextualisieren).

SPOILER FOLGEN

Ich sehe den Film im Kontext von Hollywood-Actionfilmen dieser Zeit. Insofern gebe ich zu, dass Fury Road nicht perfekt ist, sondern nur viel besser als die allermeisten Zeitgenossen. Auch wenn manche Dinge Standard sein sollten, sind sie es leider nicht, und entsprechend meine Freude darüber, dass einmal verwicklicht zu sehen.

Es gibt m.E. unsaubere Kritik, z.B. von Anita Sarkeesian, aber auch angemessene solche, wenn man sich z.B. die Reprösentation ansieht.

Action: Fury Road besticht mit Action, die zu einem großen Teil physisch inszeniert wurde. Es macht einen Unterschied, ob da wirklich Autos crashen und Flammen speien, oder ob das aus dem Rechner kommt. Gerade in dieser eher schmutzigen Welt, von der Fury Road erzählt, ist es wichtig, dass alles spürbar bleibt.

Mehr noch: die Action und die Handlung gehen Hand in Hand. Hier gibt es nicht die Marvel-typsichen 10 Minuten, in denen Menschen irgendwas erklären und sich gegenüber sitzen, und dann 10 Minuten, in denen mal irgendwer irgendwofür kämpft, als gäbe es kurze Charaktermomente zwischen zwei Werbeblöcken für die Firmen “Exposition” und “Krachbumm”. Insofern ist Fury Road auf jeden Fall sehr erfolgreich als Actionfilm.

Es vergehen auch nur 10 oder 15 Minuten, dann sind wir mitten im (zugegeben geradlinigen) Plot und steigen nicht mehr aus. Hier wird im Vorbeifahren erzählt und erklärt und auch Dinge offen gelassen, die nicht so wichtig sind. Toll.

Wer hat die Welt getötet: Wo Fury Road aber echt punktet, ist die thematische Dichte. “Who killed the world” steht an einer Wand und wird auch einmal explizit gefragt. Die Antwort ist klar: alte weiße Männer. Hier ist der Bösewicht ein alter Sack, selbst kaputt, besessen von der Idee gesunder männlicher Nachkommen. Er hat eine Armee von “Warboys”, weiß geschminkter Muskeljungs, die seiner verqausten Religion folgen und ihn sowie V8-Motoren anbeten. Am Beispiel von Nux sehen wir, wie verblendet und naiv diese Warboys sind, und kein Wunder.

Immortan Joe, der Bösewicht, herrscht über eine Festung mit riesigen Wasservorkommen (er nennt es “Aqua Cola”). Bei ihm gibt es grüne Felder und Salat und Trinkwasser – außerhalb seiner Festung leben alle Menschen im Elend und der trockenen Wüste. Und wenn er einmal die vergleichbare Menge eines Spucketropfen Wasser abgibt, warnt Joe noch: “Werdet nicht abhängig vom Wasser, dann macht euch sein Fehlen verrückt.”

Hier sind die 1%, die ihren Reichtum ausleben und andere warnen, nicht zu geldgeil zu sein, und Menschen, die sich als würdig erweisen, ein wenig abgeben. Diese Warboys glauben natürlich an die Patriarchie, weil sie ihnen Heilung verheißt.

Joe sieht andere als sein Eigentum. Die Warboys sind zu verheizen und mit Versprechungen von Walhalla ruhig zu stellen. Frauen dienen als “Brüter”, um einen gesunden Nachfolger zu schaffen, oder aber, um Muttermilch abzupumpen, die dann in voller Dekadenz als Getränk genutzt wird. Passenderweise hat Joe enge Verbindungen zur Ölindustrie (Gastown) und Waffenhändlern (Bullet Farm). Der militärisch-industrielle Komplex eben, toxische Männlichkeit und Ausbeutung.

Mein Sohn wird kein Kriegsherr: Ein weiterer Satz an einer Wand. Die Frauen von Joe wehren sich. Aber nicht mit Gewalt, sondern mit einer Alternative. Keine Kriegsherren. Als Nux in der Gewalt der Guten ist, schreiten die Frauen ein: “Kein unnötiges Töten”. Sie erkennen, dass die Warboys auch nur verblendet sind. Als später eine Frau ihre Scharfschütenkünste lobt, sind die Ehefrauen enttäuscht: “Ich dachte, ihr wärt schon weiter” – und tatsächlich kann ein Koffer mit Saatgut als Hoffnung auf eine bessere Welt die Ehefrau besänftigen.

Gleichzeitig wird deutlich, wie privilegiert diese Ehefrauen sind. “Wo hast du diese Kreaturen gefunden?” heißt es angesichts ihrer glatten Haut und weißen Zähne. Schmerzen einer Verwundung sind ihnen neu, während “hier draußen alles Schmerz” ist. Sie haben entsprechend auch die Muße, Pazifismus zu fordern, weil sie nicht gewzungen sind, sich ständig gegen Gewalt zu wehren.

Trotzdem ist dies gerade nicht der Jubel auf Gewalt und Action, den Anita Sarkeesian sieht. Denn im Film selbst geht es darum, dieses System zu überkommen, und tatsächlich ist das Happy End nicht die erfolgreiche Flucht, sondern die Übernahme der Festung und die Hoffnung auf Besserung – das Wasser wird mit allen geteilt, das Saatgut kann zum Einsatz kommen, usw.

Es ist auch nie das Ziel, sich an Menschen zu rächen. Obwohl klar ist, dass Immortan Joe ein brutaler Diktator und schlimmer ist, geht es nie darum, ihn zu töten. Sondern nur darum, seiner Herrschaft zu entkommen und am Ende ihn abzulösen. Getötet wird er, weil er mit seinem Wagen am Ende vor den HeldInnen fährt und im Weg ist. Es wäre aber den HeldInnen Recht gewesen, Joe einfach abzuhängen.

An Nux erkennt man auch, dass Joe nicht sterben musste. Seine Fehlbarkeit hötte vielleicht schon gereicht, um die Warboys zweifeln zu lassen. Aber natürlich ist seine Ideologie einfacher zu überwinden, wenn er selbst sich als sterblich erwiesen hat.

Wir sind keine Dinge: Der dritte Satz im Quartier der Ehefrauen. Sie sind eben keine Brüter, kein Eigentum, obwohl Joe sie als solche betrachtet. Und so übernehmen die Ehefrauen auch tatsächlich umfangreichere Rollen als normal. Auch hier widerspreche ich Sarkeesian: Die Ehefrauen sind eben kein Beispiel typischer Sexualisierung von Figuren.

Wobei ich zugebe, dass sie in wenig Stoff herumlaufen und stereotyp hübsch sind – was zu ihrer Rolle im Film passt, aber im Laufe der Geschichte hätten sich die Frauen auch etwas anderes anziehen können. Dennoch gibt es keine Momente, in denen die Kamera sich an diesen Körpern ergötzt: der einzige solche Moment verharrt nicht auf Bosen oder Po, sondern dem sehr schwangeren Babybauch einer Ehefrau.

Mehr noch: weder Max noch Nox zeigen je sexuelles Interesse an den Frauen oder machen Anspielungen. Mehr noch: es ist zwar klar, dass diese Frauen sexueller Gewalt ausgesetzt waren, aber wir sehen davon nichts (die anderen Mad-Max-Filme sind da nicht so zurückhaltend). Es reicht, dass sie da wegwollen. Mehr noch: es muss keine Frau überzeugt werden, ihrer Gefangenschaft zu entgehen, und keine der Ehefrauen ruiniert etwas durch ihre Dummheit. Mehr noch: sie setzen sich alle aktiv für ihre Befreiung ein und tun dies vehement und nicht, indem sie automatisch auch zu Kriegswaffen greifen.

Mehr noch: sie sind unterscheidbar. Toast hat technisches Verständnis und ist organisiert, kümmert sich um Munition und so. Capable übernimmt den Ausguck (auf ausdrücklichen Wunsch) und zeigt Nux gegenüber Mitgefühl und Verständnis, was ihn bekehrt. The Dag sucht nach mehr als Flucht und wird zur Hüterin des Saatguts. Splendid nutzt ihren Körper als Schutzschild wohl wissend, dass er nur deshalb etwas wert ist, weil Joe sein Eigentum (sie UND den ungeborenen Sohn) zurück will. Cheedo hat große Angst und in einem Moment der Panik will sie sogar zurück zu Joe. Später nutzt sie diese Angst, um Furiosa zu helfen.

Bechdel-Test: Bereits 5 Frauenrollen mit Namen. Aber es gibt noch so viel mehr. Da sind die Vuvalini, Frauen überwiegend im Renterinnen-Alter, die gleichwohl noch immer auf ihren Motorrädern und mit ihren Waffen zu überleben wissen. Sie nutzen die Ideen der Patriarchie zu ihren Gunsten: eine nackte hilflose Frau in einem Turm ist natürlich eine Falle. (Und Max erkennt das sofort, er unterliegt diesen Ideen nicht). Auch hier gibt es noch die Valkyrie und die Hüterin des Saatguts. Die Vuvalini sind besonders, weil alte Frauen in der Regel nur Mütter oder Großmütter sein dürfen, hier aber ihre Frau stehen.

Furiosa: Ach ja, und dann ist da noch Imperator Furiosa, die Hauptfigur des Films. Sie ist eine harte Frau, die gleichwohl nach Erlösung sucht (nicht nach einem Kerl!) Sie befreit die Ehefrauen, sie macht den Plan, sie ist die Chefin. Sie hat nur einen gesunden Arm und eine Armprothese. Sie ist niemals sexualisiert, es gibt keine Szene von ihr in Unterwäsche. Es gibt keine Szene, in der sie in Max’ Armen schwach wird. Es gibt keine Szene, in der sie gefangen genommen wird. Sie ist eindeutig die Heldin dieses Films, die am Ende Joe tötet und sich beinahe für die anderen opfert. Sie durchlebt die deutlichste Figurenreise, ihre Verzweiflung, ihr Schmerz sind es, die mitleiden lassen.

Max: Max schließlich ist die männliche Nebenfigur, die so ein Film braucht. Seine größte Actionszene findet off-screen statt. Er setzt die Frauen niemals herab. Er macht sich an niemanden heran. Er wird nicht zu Furiosas Liebhaber. Wie oft gab es Filme mit kompetenten Frauen, die am Ende vor dem männlichen Helden zurückstecken. Hier gibt Max es auf, mit dem Scharfschützengewehr zu schießen, und überlässt es Furiosa. Er macht nur die Ablage. Max schläft im Wagen ein, während Furiosa die Nacht durchfährt. Max bekämpft den Handlanger von Joe.

Max schlägt vor, zurückzufahren und die Festung zu übernehmen. Aber es ist eindeutig nur ein Vorschlag. Furiosa entscheidet. Max’ größter Moment ist zudem ein typisch weiblicher (für Filme): er spendet Blut, um Furiosa zu retten. Keine gewaltige Actionszene, sondern Heilen. Dann kehren alle zurück und während die Frauen die Festung erklimmen, macht er sich davon. Es geht nicht um ihn. Er ist nicht wichtig.

Fazit: Toll inszeniert, spektakulär erzählt. Die 1%, das Patriarchat, der militärisch-industrielle Komplex sind explizite Gegner und es gibt nicht nur eine Flucht, sondern sie werden besiegt und es gibt Hoffnung auf eine Alternative. Die Frauenrollen sind vielfältig und komplex und nicht nur Männer im Kleid, sie werden zudem nicht sexualisiert oder erniedrigt. Überhaupt spielt Sexualität hier eine sehr geringe Rolle. Traumatisierende Inhalte werden nicht gezeigt, sondern man vertraut dem Publikum, dass es auch so erkennt, wie schlimm das ist und man den Opfern da einfach glaubt. Es wird auch niemals aufgeworfen, ob die Diktatur Joes nicht doch etwas für sich hat.

Aber: Es ist ein sehr weißer Film. Nur wenige Frauen sind erkennbar People of Color, Männer sind meiner Wahrnehmung nach alle weiß (die Warboys schminken sich ja sogar bleich). Die Ehefrauen haben trotzdem nur flimsige Fummel an. Es gibt eine Szene, die beinahe zeigt, wie ein Kaiserschnitt durchgeführt wird. Dicke Frauen gibt es hier nur, um gemolken zu werden, auch wenn diese Frauen am Ende von sich aus das Wasser mit den Unterdrückten teilen – sie haben keine Dialogszenen. Es gibt viele Menschen mit Beeinträchtigung in vielen Rollen – Unterdrückte, die Kinder Joes, Joe und der Menschenfresser aus Gastown, Furiosa, die Warboys haben Verstümmelungen und Geschwüre. Das passt vielleicht zu einer postapokalyptischen Welt, das passt thematisch sowieso, aber es gerät doch in die Gefahr, dass hier Behinderung als Markierung gesetzt wird für Schwäche oder moralische Verkommenheit, weil im Vergleich Furiosas fehlender Arm sehr “sauber” wirkt.

Aus der Perspektive intersektionalen Feminismus also ist Fury Road keinesfalls fehlerfrei. Die Stärke des Films liegt da eher in der Behandlung von Männlichkeit und Weiblichkeit (die in der Dichotomie Gewalt-Pazifismus vielleicht sogar zu sehr vereinfacht).

Hoffen wir doch einfach, dass Fury Road in ein paar Jahren gar nicht mehr so progressiv wirkt, sondern von vielen weiteren Produktionen in den Schatten gestellt wurde. Im Vergleich heute aber bin ich immer noch begeistert.

Ein Gedanke zu „Mad Max Fury Road

  1. Gut gesprochen und getroffen, Frau. Bin ein „Mad Max“-Fan der ersten Stunde (80, da war ich 16), Ex-Hooligan, gebrochene Bio, heute Redakteur und Autor (der von der Branche gefickt wird).

    Mach weiter so, ich werde vorbei schauen.

    Peace.

    Warboy

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